Coden ist weiblich

Die US-amerikanische Computerpionierin Grace Murray Hopper bedient mit Kollegen im Jahr 1960 einen Univac. FOTO: SMITHSONIAN INSTITUTION

Im Zentrallaboratorium der Siemens AG in München, 1965. Eine 22-jährige Mathematikstudentin aus Wien, die ein Auslandsjahr an der Universität München verbringt, steht das erste Mal einem Computer gegenüber. „Ich war enttäuscht über diesen großen, nüchternen grauen Kasten mit den blinkenden Lichtern“, erinnert sich Christiane Floyd an den Anblick einer Maschine, die sie bis dahin nur vom Hörensagen als „Elektronengehirn“ kannte. „Für Aber für mich war es ein großes Glück, dass ich in diese Abteilung gekommen bin.“
Schon im Jahr darauf – inzwischen hat sie ihren Doktor in Mathematik – ergattert Floyd im Siemens-Computerlabor ihre erste Stelle als Systemprogrammiererin. Nicht in irgendeinem, sondern in einem anspruchsvollen Projekt. Es geht um die Entwicklung eines Compilers, einer Software, die die damals noch neue Programmiersprache Algol 60 in die Maschinensprache des Computers übersetzt. Erfunden hatte solche Übersetzungsprogramme Anfang der fünfziger Jahre die US-Amerikanerin Grace Hopper. Für Christiane Floyd ist es der Beginn einer Karriere. Vorläufiger Höhepunkt: ihre Berufung 1978 als Professorin für Softwaretechnik an die Technische Universität Berlin. Sie ist damit die erste Informatik-Professorin im deutschsprachigen Raum.
Vorgezeichnet ist ihr Weg in die Softwaretechnik allerdings ganz und gar nicht. Computer sind in den fünfziger Jahren gerade erst von einem militärischen Projekt zu der universell einsetzbaren Maschine für die zivile Datenverarbeitung geworden. Eine formelle Ausbildung in diesem Bereich gibt es nicht. Weibliche Vorbilder erst recht nicht. Dass Frauen in den vierziger Jahren dem ersten programmierbaren elektronischen Digitalrechner der Welt, dem Electronic Numerical Integrator and Computer, kurz ENIAC das Rechnen „beibrachten“, ist längst vergessen. Erst Jahrzehnte später werden diese Frauen, wie etwa Christiane Floyd, als die ersten Programmiererinnen in die Computergeschichte eingehen.
Während ihres Praktikums bei Siemens lernt Floyd das Programmieren vom Tischnachbarn – quasi Learning by Doing. Ihre Vorgesetzten, legen ihr die Siemens-Handbücher auf den Tisch – eines zur Maschinensprache, eines zur Bedienung des Rechners – und stellen ihr die erste Aufgabe: die Umrechnung von Dezimalzahlen in Römische Zahlen… Weiterlesen in der SZ vom 27. Juni 2020